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In welchem Europa möchten wir leben?
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Wie Frankreich nach Deutschland und Deutschland nach Frankreich kam

Im Studium bereits die Brücke ins Berufsleben schlagen: Clara Oberbeckmann hat die Chance ergriffen. Im Rahmen ihres Masterstudiums Stadt- und Regionalentwicklung in Kaiserslautern nahm sie am deutsch-französischen Bürgerdialog von Rheinland-Pfalz und der Region Burgund-France-Comté teil. Ziel war es, dass sich die Teilnehmenden aus Frankreich und Deutschland begegnen und über die künftige Entwicklung Europas auszutauschen. Die Studentin berichtet, wie sie den Prozess erlebt hat:

Von Unispectrum live • Clara Oberbeckmann

Der Bürgerdialog war eingebettet in das EU-Projekt „Konferenz zur Zukunft Europas“. Damit kamen das Europäische Parlament, der Europäische Rat und die Europäische Kommission ihrer Verpflichtung nach, den Menschen in Europa und ihrer Meinung Gehör zu schenken. Ziel war es, Menschen aus ganz Europa die Gelegenheit zu geben, ihre eigenen Ideen und Wünsche in Debatten und Diskussionen auszutauschen und so die gemeinsame Zukunft und Entwicklung in Europa mitzugestalten. Das Engagement dieser großen demokratischen Übung im Rahmen der Zukunftskonferenz war enorm: Um die Empfehlungen und Vorschläge zu generieren, hat die Zivilgesellschaft allein in Deutschland mehr als 50 regionale Veranstaltungen und etwa 300 weitere Veranstaltungen organisiert.

Der Bürgerdialog, an dem ich teilgenommen habe, war ein Teil der Zukunftskonferenz „Europas“. Zudem konnte sich jeder Europäer und jede Europäerin über die mehrsprachige digitale Konferenzplattform, Veranstaltungen in allen europäischen Ländern und die Europäischen Bürgerforen in den Austausch einbringen. Die Konferenz erarbeitete letztlich Schlussfolgerungen mit Leitlinien in Form eines Berichtes, der 49 sorgfältig und gut diskutierte Vorschläge enthält. Dieser liegt den Präsidenten und Präsidentinnen der drei Organe (Parlament, Rat und Kommission der EU) vor und ist öffentlich einsehbar. Die drei Organe prüfen nachfolgend, wie sich mit dem Bericht ein effektives weiteres Vorgehen gestalten kann. Damit hat die Konferenz über die Zukunft Europas ihre Arbeit zum Teil schon abgeschlossen.

Meinungsvielfalt war im Dialog gefragt

Ich konnte als eine der 40 Teilnehmenden am Bürgerdialog, konkret an zwei deutsch-französischen Workshop-Wochenenden in Dijon und in Mainz, die Vorschläge mitgestalten – vielfach mit direktem Bezug zu meinem Studium. Zu den Hauptthemen des deutsch-französischen Bürgerdialogs zählte die Anpassung der ländlichen Räume an gemeinsame Herausforderungen, die Stadt-Umland-Beziehungen und die Anpassung an den Klimawandel (Land-/ Forstwirtschaft, Weinbau, Wassermanagement etc.). Außerdem haben wir uns mit nachhaltiger Mobilität, grünem Tourismus, der Digitalisierung bzw. dem Breitbandausbau und den Herausforderungen des demografischen Wandels beschäftigt.

Das Spannende war, dass nicht nur zwei Nationen miteinander diskutiert haben, sondern dass alte und junge Menschen, Studierende und Professoren, Europa-Experten und „Laien“ miteinander ins Gespräch kamen. Gemeinsam haben wir am Ende des Workshops in Mainz nach intensiver Arbeit einen Entwurf geschaffen, der alle Meinungen und Wünsche der Teilnehmenden berücksichtigt.

Die Zukunft in die eigene Hand nehmen

Viele unserer Empfehlungen weisen einen hochaktuellen Bezug auf. Etwa haben wir im Bereich „Klimawandel, Energie und Verkehr“ folgendes Ziel formuliert: Bereitstellung einer hochwertigen, modernen, grünen und sicheren Infrastruktur, mit der die Anbindung, auch der ländlichen und Inselgebiete, insbesondere durch bezahlbare öffentliche Verkehrsmittel, sichergestellt wird. In punkto Maßnahme war es uns besonders wichtig, dass der öffentliche Verkehr und der Aufbau eines europäischen öffentlichen Verkehrsnetzes, das effizient, zuverlässig und erschwinglich ist, gefördert wird – mit zusätzlichen Anreizen für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Angesichts der Erfahrungen mit dem zeitlich begrenzten 9-Euro-ÖPNV-Ticket in Deutschland sind wir gespannt, wie EU-Parlament, -Rat und -Kommission unsere Anregung aufnehmen und umsetzen.

Was nehme ich aus dem Workshop für mich persönlich mit? Zum einen spielen die im Bürgerdialog diskutierten gemeinschaftlichen Herausforderungen im Beruf eines Raum- und Umweltplaners bzw. einer Planerin eine große Rolle. Zum anderen nimmt die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft mit Rechten und Pflichten auch einen hohen Stellenwert in meinem Leben als deutsche und zugleich europäische Bürgerin ein. Im Alltag wird das nicht immer klar, doch hier möchte ich Ihnen die Frage weitergeben, die uns zu Anfang des Workshops gestellt worden ist: „Was macht Sie zum Europäer und was für Vorteile bietet oder kann Ihnen Europa bei Bedarf bieten?“ Auch wenn die Antwort durchweg positiv ausfällt: Damit wir in Europa unsere Grundrechte sichern können, braucht es die aktive Mitarbeit der Bürger und Bürgerinnen, auch über die Konferenz zur Zukunft Europas hinaus. Ein Blick in die aktuelle Tageszeitung reicht aus, um den Bedarf dafür zu erkennen.

Bild des Benutzers Julia Reichelt
Erstellt
am 05.12.2022 von
Julia Reichelt