© Wellcome Library in London
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Der Vater der Paralympischen Spiele

Der jüdische Arzt Dr. Ludwig Guttmann gilt als Begründer der Paralympics. Geduldet vom nationalsozialistischen Regime forschte er in Breslau auf seinem Spezialgebiet der Rückenmarksverletzung weiter. 1939 emigrierte er jedoch nach England, wo er in einer Klinik Querschnittgelähmte behandelte. Hier legte er mit seinen „Stoke Mandeville Games für Gelähmte“ den Grundstein für die Paralympics. Der Student Rafael Hoffmann hat die „deutsche“ Zeit in Guttmanns Leben in seiner Masterarbeit bei Olympiaforscher Professor Dr. Norbert Müller an der TU Kaiserslautern genauer erforscht.

Von Unispectrum live

Wenn in diesen Tagen behinderte Sportler in Rio de Janeiro bei den Paralympics an den Start gehen, können diese Spiele bereits auf eine lange Geschichte zurückblicken. Seit den Olympischen Spielen von Seoul 1988 finden sie im Anschluss an denselben Wettkampfstätten statt. Als ihr Begründer gilt der Mediziner Ludwig Guttmann, der seit 1943 als Neurochirurg am Hospital in englischen Stoke Mandeville unter anderem kriegsgeschädigte Soldaten behandelte und modelhaft Bewegungstherapie als neue Behandlungsform bei den vielen kriegsversehrten englischen Soldaten einführte. 

Im Juli 1948 hatte Guttmann anlässlich der Olympischen Spiele in London erstmals einen Sportwettbewerb für seine Patienten ausgerufen. Er war der Überzeugung, damit Abwechslung in den tristen Patientenalltag zu bringen und die Patienten vor eine Herausforderungen zu stellen. So bestanden die ersten „ Stoke Mandeville Games“ aus einem Wettbewerb im Bogenschießen. Insgesamt stellten sich 16 Patienten der Herausforderung – darunter auch eine Frau. Der Anfang war gemacht. In den darauffolgenden Jahren fanden die Spiele alljährlich statt. Mit der Zeit wuchs auch das Teilnehmerfeld. Sportler aus weiteren Kliniken und Invalidensportgemeinschaften traten beim Wettbewerb an. Auch neue Sportarten kamen hinzu – mit der Verbesserung der Rollstühle erfreute sich bald der Rollstuhl-Basketball großer Beliebtheit.

Ab 1950 veranstaltete Guttmann die Spiele erstmals auf internationaler Ebene. Zehn Jahre später gelang es ihm, die ersten Weltspiele für Gelähmte nach den Olympischen Spielen am Olympiaort Rom durchzuführen. 1964 fanden die zweiten Weltspiele in Tokio, 1968 in Jerusalem statt – für Guttmann als Angehöriger der jüdischen Glaubensgemeinschaft eine besondere Auszeichnung. Die vierten Weltspiele für Behinderte fanden schließlich 1972 in Heidelberg statt, wo Guttmann von Bundespräsident Gustav Heinemann mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt wurde. Dort nahmen bereits 1.004 Sportler aus 41 Ländern in elf Sportarten und 187 Einzeldisziplinen teil.

1988 in Seoul wurden erstmals offizielle Paralympic Games durchgeführt, nachdem ein Welt-Paralympic-Komitee (IPC) als Zusammenschluss aller Behindertensportverbände an die Spitze trat. Im Jahr 2000 wurde mit dem Internationalen Olympischen Komitee ein Vertrag geschlossen, dass die Paralympics immer nach den Olympischen Spielen am gleichen Ort stattfinden sollten. Diesen Erfolg konnte Guttmann jedoch nicht mehr feiern. Er verstarb 1980 in London. Der Nachwelt ist vor allem sein Wirken in Stoke Mandeville in Erinnerung geblieben. Doch bereits in Deutschland hatte der Mediziner zu Rückenmarksverletzungen und deren Behandlungen geforscht. Viele seiner Erkenntnisse bildeten die Grundlage für eine moderne Neurochirurgie.

Diese Stationen aus Guttmanns Leben hat der Kaiserlauterer Student Rafael Hoffmann in seiner Masterarbeit nun erstmals genauer untersucht: Guttmann wurde 1899 in Tost in Oberschlesien geboren, in Freiburg studierte er Medizin und promovierte dort 1924. Er trug viel dazu bei, die Neurochirurgie in Deutschland voranzubringen, seine Erkenntnisse sind in die Medizingeschichte eingegangen. Guttmann arbeitete seit 1925 an der Uniklinik in Breslau, wo er 1925 habilitierte. 1928 erhielt er einen Ruf nach Hamburg, kehrte jedoch nach einem Jahr bereits nach Breslau zurück, wo er bis zum Entzug der Lehrbefugnis 1933 durch die Nazis forschte und lehrte. Danach konnte er seine ärztliche Tätigkeit nur noch am Jüdischen Krankenhaus in Breslau fortsetzen. Guttmann widmete sich sowohl als Arzt als auch als Wissenschaftler den Querschnittgelähmten. Seine zahlreichen Fachbuch- und Zeitschriftenbeiträge belegen, dass er einer der ersten Neurochirurgen war, der die Bedeutung der Bewegungstherapie für Rückenmarkverletzte erkannt hatte. Nach Entzug der ärztlichen Approbation für alle jüdischen Ärzte im Deutschen Reich 1938 blieb Guttmann nur die Emigration. Während er mit seiner Familie nach England ging, wurden seine Eltern und Geschwister 1942 von den Nazis nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Hoffmann hat seine Arbeit beim Professor für Sportwissenschaft und -ethik, Dr. Norbert Müller, angefertigt. Er wurde bei seiner Arbeit vom Mainzer Medizinhistoriker Professor Dr. Werner Kümmel fachkundig beraten. Im Archiv der Wellcome Library in London sowie in der Universitätsbibliothek Freiburg und der Bibliothek des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin am Uniklinikum Mainz hat sich der Kaiserslauterer Student auf Spurensuche begeben. Erst Anfang des Jahres 2016 hatte Professor Kümmel in London Dokumente und Bilder zum Wirken Guttmanns vor 1940 entdeckt. Hoffmann ist damit einer der ersten jungen Forscher, der sich mit diesem historischen Material und Guttmanns Wirken in Deutschland auseinandersetzen konnte, wobei  Breslau heute als Wroclaw zu Polen gehört. Dort wird ein Doktorand von Professor Müller in Kürze die Forschung im Stadt- und Universitätsarchiv und in mehreren jüdischen Archiven fortsetzen.
 

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Erstellt
am 08.09.2016 von
TU Admin