© Dr. Heribert Schöller
Ein Leben wie ein Abenteuer
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Von Regenwäldern über Wüsten bis zum Ewigen Eis auf der Suche nach neuen Pflanzen-Arten

Sein Forscherleben lang hat sich Professor Dr. Burkhard Büdel mit Flechten, Algen und Moosen befasst und rund 30 Arten entdeckt. Seine Arbeit führte ihn rund um den Globus: In Venezuela kämpfte er mit einer Mückenplage, in Panama erlebte er heftige Regenfälle, in der Antarktis lebte er mehrere Wochen in einem Zelt und in der Wüste in Namibia verunglückte er mit einem Geländewagen. Nun geht der Botaniker in den Ruhestand. Zeit, um einen Blick zurückzuwerfen.

Von Unispectrum live

Es klingt wie ein Abenteuer. Dieser Gedanke kommt einem sofort in den Kopf, wenn Professor Büdel über seine Arbeit spricht. Im Frühjahr tritt er nach rund 20 Jahren an der TUK seinen Ruhestand an. Büdel forscht und lehrt in der Biologie zu Pflanzenbiologie und Systematik. Er hat sich Flechten, Algen und Moosen verschrieben, die zu den sogenannten niederen Pflanzen zählen. Was auf den ersten Blick nicht sehr spektakulär klingt, hat den Kaiserslauterer Professor in den vergangenen Jahren um die ganze Welt geführt –  an teils abgelegene und unwirtliche Orte.

Das Interesse an der Pflanzenwelt keimte bei Büdel bereits in seiner Jugend auf. Im Spessart groß geworden wollte er die Algen in nahegelegenen Bächen erforschen. „Ein Wissenschaftler von der Außenstelle des Senckenberg Instituts hat mir dabei geholfen und mir erklärt, wie ich vorgehen muss“, erinnert er sich.

Eins kam schließlich zum anderen und Büdel begann zunächst an der TU Darmstadt ein Chemiestudium. „Mir fehlte dabei aber die Biologie. Das habe ich schnell gemerkt.“ Daher wechselte er nach Marburg, wo er seine Diplomarbeit schrieb und auch promovierte – natürlich zu Algen und Flechten. Im Anschluss ging es für ihn nach Würzburg, um beim ersten Gottfried Wilhelm Leibniz-Preisträger aus der Biologie, Professor Dr. Otto Ludwig Lange, zu forschen.

In den Regenwäldern Mittel- und Südamerikas

Eine erste Expedition in dieser Zeit führte ihn in die Bergregenwälder Panamas. „Ich hatte zuvor noch keinerlei Erfahrung mit den Tropen gemacht.“ Sechs Wochen lang hat das Team um Büdel die tropischen Flechten erforscht. „Die Natur war gigantisch. Von den Berggipfeln sah man zum einen auf den Pazifik, auf der anderen Seiten war das karibische Meer.“ Regen sei in dieser Zeit in Unmengen vom Himmel gekommen. „Kleidung durften wir in unseren Hütten nicht einfach auf dem Boden liegen lassen, da sie sonst direkt mit mehreren Zentimeter hohem Schimmel bedeckt war.“

Hoch auf den Baumwipfeln hat das Team die Objekte seiner Begierde gefunden: Die Flechten, die in dieser Gegend heimisch sind, müssen mit diesen Extremen klar kommen. „Wenn es zu viel regnet, können sie keine Fotosynthese betreiben. Regnet es nicht, wird es aber schnell heiß und dann trocken, sodass sie wieder keine Fotosynthese betreiben können“, erklärt der Botaniker das Dilemma der Pflanzen. Zu überleben ist ein schmaler Grat. Aber die Pflanzen haben es über Millionen Jahre hinweg geschafft, sich an diese Bedingungen anzupassen und damit zurecht zu kommen. Bis heute ist es noch niemandem gelungen, tropische Flechten im Labor zu kultivieren. „Entfernt man sie aus ihrem Lebensraum, gehen sie sofort kaputt.“

Im Laufe seiner Forscherkarriere hat Büdel Flechten, Algen und Moose auf der ganzen Welt gefunden. Es gibt keinen Ort, an dem sie nicht vorkommen. Viele dieser Pflanzen sind so klein, dass sie mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen sind. Aber sie sind da – auf Böden, Felsen oder Hauswänden – und tragen mit ihrer Fotosynthese dazu bei, sieben Prozent des fixierten Kohlenstoffdioxids  auf der Landoberfläche festzulegen. „Das ist die Menge, die wir Menschen ungefähr im Jahr durch die Nutzung fossiler Energieträger freisetzen.“

Dass solche Forschungsreisen generalstabsmäßig geplant werden müssen, hat Büdel schnell gemerkt. Rund 160 Metallkisten, in denen Messgeräte und weiteres Equipment und Nahrung verstaut war, galt es mit in die entlegenen Wälder zu nehmen. Da lernt man schnell, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Eine weitere Expedition zu dieser Zeit führte ihn auf die Nordinsel Neuseelands. Aber auch die Arbeit in den Laboren in Würzburg ging weiter voran. 1993 habilitierte er sich dort. Es folgte ein Heisenbergstipendium, das ihn wieder in den Spessart zum Forschen und zum Unterrichten an die TU Darmstadt brachte.

Eine erste Professur trat er schließlich 1995 in Rostock an. Von hier aus ging es nach Venezuela den Fluss Orinoco hinauf zu den zahlreichen Inselbergen und zu einem Tepui (Tafelberg), die es dort gibt. Diese Tepuis zeichnen sich durch eine eigene Flora und Fauna aus. Es ist eine eigene Welt – ganz anders als die Wälder zu ihren Füßen. „Ein Hubschrauber hat uns mit unseren Geräten dort hinauf gebracht“, erinnert sich der Botaniker. „Anders ist das bei den Steilwänden nicht möglich.“ So war Büdel einer der ersten Menschen überhaupt, die einen Fuß in diese besondere Welt gesetzt haben. Die Natur oben auf diesen Bergen ist eine ganz andere als unten in den Regenwäldern. „Auch hier haben wir wieder Flechten und Algen gefunden und ihre Fotosynthese-Rate gemessen.“ 

© Dr. Heribert Schöller

Man muss erst weg, um zu schätzen, wo man herkommt.

Professor Büdel

Die Reise brachte die Gruppe bis in den Süden des Landes – nach La Esmeralda, wo Alexander von Humboldt gemeinsam mit dem französischen Naturforscher Aimé Bonpland 1800 Station machte. „Als schrecklichsten Ort der Erde“ bezeichnete der deutsche Naturforscher diesen Platz einst. – Auch rund 200 Jahre später musste Büdel diese Erfahrung machen. „Wir haben uns mit einer Vielzahl von Mücken und anderen Hautparasiten herumgeplagt.“ Zur Abwehr gab es nur ein aggressives Insektenmittel, das die US-amerikanische Armee ihnen zur Verfügung gestellt hat. „Die Mücken sind direkt auf der Haut umgefallen. Haben wir damit Plastikgriffe an den Transportboxen berührt, haben sie sich aufgelöst.“

Schon vor Beginn der Expedition gerieten die Forscher in eine brenzlige Situation: Sie sollten auf den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog treffen, der wie sie auch in der Hauptstadt Caracas zugegen war. „Wir konnten die Universität, an der wir unsere Reise vorbereiteten, nicht verlassen, da vor den Gebäuden eine Schießerei stattgefunden hatte. Auf dem Boden liegend mussten wir warten, bis alles vorbei war.“ Erst nachts ging es für die Forscher zurück ins Hotel, vorbei an den Resten der gewaltsamen Auseinandersetzungen. „Man muss erst weg, um zu schätzen, wo man herkommt.“ Trotz der Strapazen hat Büdel die Natur Venezuelas immer noch vor Augen. „Die Landschaft war unglaublich schön. Das vergisst man nicht.“

Als im Oktober 1996 schließlich ein Ruf der TU Kaiserslautern kam, musste Büdel nicht lange überlegen. „In Rostock hat es meiner Frau und mir auch gefallen“, erinnert er sich, „aber das Angebot war zu gut, als das ich hätte ablehnen können und wollen.“

Von der Wüste ins Ewige Eis

Rund ein halbes Jahr später begann er seine Arbeit auf dem Campus in Kaiserslautern. Doch kaum angekommen ging es weiter: in die Wüsten Namibias und Südafrikas. Allerdings verunglückte das Expeditionsteam auf dem Weg in der Wüste mit einem Geländewagen. „An viel kann ich mich nicht mehr erinnern“, sagt der Professor. „Wir hatten Glück, dass Minenarbeiter zufällig vorbeigekommen sind, weil sie einen Ausflug gemacht hatten.“ Diese seien zurückgefahren, um Hilfe zu holen. Die Rettungsaktion habe mehrere Stunden gedauert, während denen Büdel eingeklemmt unter dem Wagen lag. „Im Vergleich zu den mitfahrenden Kollegeninnen und Kollegen, hatte ich keine wirklich schweren Verletzungen, es waren nur alle Rippen und beide Schlüsselbeine gebrochen, der linke Lungenflügel perforiert und die Lunge insgesamt kollabiert, ich konnte bald schon nach Deutschland geflogen werden.“

Nicht nur in Wüsten und Regenwäldern hat Büdel Flechten gesucht, sondern auch in der Antarktis. Gleich dreimal war er am anderen Ender der Welt. Über Neuseeland ging es für ihn zunächst zur Antarktisstation Scott Base, wo er auch Edmund Hillary getroffen hat, der als erster Mensch den Mount Everest bestiegen hatte. „In der Station haben wir ein Survivaltraining erhalten, bevor wir mit Zelten in die Trockentäler weitergereist sind.“ In diesen eisfreien Regionen der Antarktis herrscht ein ähnliches Klima vor wie in Wüsten – nur kälter.

Sechs Wochen lang haben es Büdel und sein Techniker mit drei Forscherkollegen aus Neuseeland, Spanien und Österreich in der unwirtlichen Natur ausgehalten und in Zelten übernachtet. Wasser gab es sehr wenig. Sie hatten nur das Nötigste dabei. „Wir haben uns sehr auf eine Dusche gefreut, wenn wir wieder in der Station sind. Auch wenn man nur drei Minuten dafür Zeit hat.“

Seine Expeditionen brachten ihn zudem nach Australien, Grönland, Spitzbergen, China, Peru, Chile – um nur ein paar Ziele zu nennen. Dabei hat der Botaniker insgesamt 32 Arten entdeckt und anschließend erforscht.

Und nun, so kurz vor seinem Ruhestand? „Ich werde die jungen Menschen vermissen“, sagt er. „In meiner Laufbahn habe ich um die 30 Doktoranden betreut, zu denen ich immer noch gute Kontakte habe.“ Dennoch gehe er zufrieden in Pension. „Ich würde alles wieder so machen.“ Seine Frau und er ziehen zurück in den Spessart, in die Nähe der beiden Kinder und Enkel. „Meine Frau hat es verdient, dass ich mehr Zeit mit ihr verbringe. Ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen.“

Im Spessart möchte er sich auch weiterhin seinen Pflanzen widmen. „Und mit meiner Frau auf Reisen gehen. Ein paar Flecke auf der Landkarte, wie zum Beispiel Island, fehlen mir noch.“

Bild des Benutzers Melanie Löw
Erstellt
am 10.01.2019 von
Melanie Löw

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