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Ein toter Baum ist keine Endstation
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Norman Rollwa regt an, die Beziehung zur Natur zu überdenken

Seit drei Jahren bewirtschaftet Norman Rollwa ein „Schaubeet“ in Ludwigswinkel in der Südwestpfalz. Der Biologie- und Chemiestudent nutzt die Fläche, um Besucherinnen und Besucher für die biologische Vielfalt zu sensibilisieren. Insbesondere ist es ihm ein Anliegen, das breite Spektrum an Kulturpflanzen und alten Sorten, das weltweit existiert, erlebbar zu machen. Dieses Jahr hat er auch den Aspekt „Waldzustand“ in sein Pflanzkonzept gebracht: Mit einem ins Beet integrierten Baumstamm will er aufzeigen, dass ein toter Baum kein Verlust ist.

Von Unispectrum live • Julia Reichelt

„Manchmal bedarf es eines zweiten Blickes“, sagt Rollwa, als er sein Pflanzprojekt vorstellt. Direkt deutlich wird das Interessierten beim Betrachten des dicken Baumstamms, der imposant mitten im Beet thront. Dieser wächst zwar selbst nicht mehr, aber er spendet neues Leben. Unter anderem nutzt eine Kalebasse (Flaschenkürbis), die zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt zählt, den Stamm als Rankhilfe. Den Fuß des Stamms besiedeln Pilze und kleine Eichenschösslinge. Etwas weiter entfernt hat Rollwa ein ausgehöhltes Stück Stamm im Sinne des Kreislaufprinzips zu einem Hochbeet für Paprika umfunktioniert. Getreu seinem Konzept „die Welt zu Gast“ sind im Beet auch Exoten wie die in den Tropen beheimatete Yamswurzel vertreten. Mit einer angelegten Insektenwiese im Hintergrund bietet er nicht zuletzt einen Lebensraum für Bestäuber aller Arten.

Corona-bedingt konnte Rollwa diesen Sommer leider keine Gruppen ans Schaubeet führen und Fragen beantworten. Stattdessen hat er eine Feedbackbox aufgestellt und viel Post erhalten: „Von Zuschriften, die das Pflanzkonzept mit dem Baumstamm als Anregung für den eigenen Garten toll fanden bis hin zu Kommentaren, dass es mir gelungen sei, die Bedeutung der Biodiversität neutral und ‚ungefärbt‘ zu vermitteln, war alles dabei“, zieht Rollwa Bilanz.

Waldzustand im Blick

Die Sortenvielfalt in der Welt zu zeigen und damit verbunden, dass es für jeden Standort eine an die jeweiligen Bedingungen angepasste Kulturpflanze gibt, ist schon von Anfang an die Mission von Rollwa. Die Idee, auch den Wald in das Gesamtbild zu integrieren, ist letztes Jahr entstanden: „Im Waldzustandsbericht 2020 hieß es, dass ungefähr jeder zweite Baum durch die langanhaltenden Trockenperioden der letzten Jahre geschädigt ist“, so der Lehramtsstudent. „Eine Hiobsbotschaft folgte der anderen. Das konnte ich irgendwann nicht mehr hören und wollte andere Perspektiven in die Diskussion bringen. Denn ich bin überzeugt, dass noch nichts verloren ist.“

Rollwa plädiert gegen Effekthandlungen wie flächendeckende Abholzungen und stattdessen für nachhaltige Konzepte und das Vertrauen in die Regenerationskräfte der Natur. Zum Beispiel, erklärt er, könnten auch tote Bäume noch Wasser im Boden halten und so dem Nachwuchs das Wachstum erleichtern. Auf Schautafeln, die am Rand des Schaubeets stehen, vermittelt er zudem naturwissenschaftliche, philosophische, gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge rund um den Umgang mit Wald und Natur, um den Blick zu weiten und Denkanstöße zu geben.

Mittlerweile hat sich der Student intensiv mit Waldökologie und Waldbewirtschaftung auseinandergesetzt. Aktuell zieht er zu Hause gut 300 Baumsetzlinge für kommende Projekte heran. Wir dürfen also gespannt sein, was sich im Ludwigswinkler Schaubeet am Rand des Kurparks nächstes Jahr tut.

 

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Erstellt
am 23.09.2021 von
Julia Reichelt