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Herausforderung als Chance nutzen
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Strategien für schrumpfende Städte

Weltweit kommt es in Städten und Regionen zu einem Rückgang der Bevölkerung. Ganze Stadtteile sind vom Leerstand bedroht. Doch wie ist mit einer solchen Schrumpfung umzugehen? Was sind die Folgen für Bevölkerung und Verwaltung? Kann man von schrumpfenden Städten gar etwas lernen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Agnes Angelika Matoga, Simone di Pietro und Bozhidar Ivanov im Rahmen ihrer Doktorarbeit. Sie forschen bei Professorin Dr. Karina Pallagst am Lehrstuhl für Internationale Planungssysteme der TU Kaiserslautern. Schrumpfende Städte – mit dieser Thematik befasst sich das internationale Projekt „Reviving shrinking cities – innovative paths and perspectives towards livability for shrinking cities in Europe“. Es wird seit 2018 von der Europäischen Kommission für vier Jahre mit 3,3 Millionen Euro gefördert. Koordiniert wird das Vorhaben an der TU Kaiserslautern von Professorin Dr. Karina Pallagst. Forscherteams aus mehreren Ländern untersuchen interdisziplinär, wie sich die Situation von schrumpfenden Städten verbessern lässt. Im Rahmen einer Graduiertenschule ist auch der wissenschaftliche Nachwuchs mit an Bord: Dazu gehören die TUK-Doktoranden Agnes Angelika, Matoga, Bozhidar Ivanov und Simone di Pietro. Unispectrum live hatte die Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen.

Von Unispectrum live • Christine Pauli

Frau Matoga, Herr Ivanov, Herr die Pietro, was waren die zentralen Fragen, die Sie untersucht haben?

Bozhidar Ivanov: Die zentrale Frage meiner Forschung war, wie man unter dem Label „Shrinking Smart“ – auf Deutsch „Smart Schrumpfen“ – ein neues Planungskonzept schaffen kann, das schrumpfenden Städten helfen kann, ihre Herausforderungen als Chance zu nutzen. Das heißt, Schrumpfung oder Bevölkerungsrückgang nicht als Krise zu sehen, sondern auch als Möglichkeit, die Stadt und das Leben der Menschen, die in ihr leben, zu verbessern. 

Simone di Pietro: Das Hauptziel meiner Arbeit besteht darin, verschiedene Strategien für die Entwicklung schrumpfender Städte im Rahmen von grünen Technologien zu untersuchen.

Agnes Angelika Matoga: Die Leitfrage meiner Forschung befasste sich mit der Rolle der aktiven Bürgerschaft bei der Anpassung bestehender Governance-Arrangements in schrumpfenden Städten. Das heißt, ich habe untersucht, wie sich Verwaltungsprozesse verändern, wenn Städte mit langfristiger Schrumpfung konfrontiert sind. Wie und wann bestimmte Akteure ins Spiel kommen, wie und warum Bürgerinnen und Bürger berücksichtigt und mit einbezogen werden. Unter anderem habe ich mich mit dem Beispiel Gebrookerbos in Heerlen, in den Niederlanden, beschäftigt. 
 

Was haben Sie herausgefunden?

Bozhidar Ivanov: Ich habe drei verschiedene Ansätze zum Thema Stadtschrumpfung und Bevölkerungsrückgang untersucht – in Bilbao, Spanien, in Leipzig und in Zeeland, in den Niederlanden. Ich habe die verschiedenen städtebaulichen und politischen Ansätze, die in den drei Fällen angewandt wurden, vergleichend analysiert. Ganz konkret habe ich dabei herausgefunden, dass in allen drei Fällen spezifische Maßnahmen für bestimmte Stadtteile und Gemeinden ausgearbeitet wurden. In Bilbao gab es zweckgebundene Mittel für die Verbesserung des Wohnraums, zusammen mit sozialer Unterstützung. In Leipzig gab es spezielle Stadtteilpläne, die sich sowohl mit räumlichen Herausforderungen wie Leerstand als auch mit wirtschaftlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit befassten. In Zeeland gab es spezielle Projekte zur Wiederbelebung von Vierteln, die unter Wohnungsleerstand leiden, mit dem Ziel, ein lebenswertes Umfeld für alle Bürgerinnen und Bürger zu schaffen. 

Agnes Angelika Matoga: Ich bin erst im April aus dem Mutterschutz zurückgekommen. Deshalb muss ich zunächst erwähnen, dass meine zweite Fallstudie noch nicht abgeschlossen ist. Sagen kann ich aber, dass das Engagement der Bürgerinnen und Bürger in schrumpfenden Städten von großem Wert und Vorteil sein kann. Diese Städte leiden aufgrund des Bevölkerungsverlustes meist unter einer hohen Steuerlast - und die Kommunen sind unterbesetzt. Sie verfügen nicht über genügend Mittel, um Projekte und Planungen in Eigenregie durchzuführen. Die Bürgerinnen und Bürger, die trotz der Schrumpfung in solchen Städten geblieben sind, leben oft schon lange dort, haben eine enge Bindung an ihren Wohnort und kennen ihre Stadtviertel sehr gut. Gleichzeitig haben sie gesehen, wie sich die Stadtteile verschlechtern, und sind motiviert, etwas dagegen zu unternehmen. 

Wie könnte man das nutzen?

Agnes Angelika Matoga: Das Beispiel Heerlen zeigt, dass dies gar nicht so einfach ist. Selbst in einer schrumpfenden Stadt, in der noch viel Raum für Experimente bleibt, wird das bürgerschaftliche Engagement von der Stadtverwaltung stark kontrolliert. Nicht alle Ideen der Bürgerinnen und Bürger können umgesetzt werden, sondern werden so ausgewählt, dass sie zu den Zielen der Stadtverwaltung passen. Wir können sehen, dass die Bereitschaft der Bewohner, aktiv zu werden, um die Lebensqualität in ihrem Viertel zu verbessern, sehr groß ist, aber formale Rahmen wirken wie ein Hindernis. 

Welche Empfehlung können Sie geben?

Agnes Angelika Matoga: Bürokratie und starre Regeln abbauen, die die Entfaltung von Potenzialen behindern.

Herr Ivanov, was leiten Sie aus Ihren Ergebnissen ab? Welche Empfehlung können Sie geben?

Bozhidar Ivanov: Eine Empfehlung, die ich geben kann, ist, dass Planende und politische Entscheidungsträger die Herausforderung der Schrumpfung nutzen sollten, um ein breites Gespräch mit anderen Institutionen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene anzustoßen. Umso zu entscheiden, welche Ziele sie verfolgen wollen, um aktiv an der Gestaltung spezifischer Instrumente für den besonderen Fall einer schrumpfenden Stadt oder einer Region zu arbeiten. Und die ungenutzten Ressourcen in Form von Flächen, Gebäuden und Infrastruktur in schrumpfenden Städten bieten ein großes Potenzial für die Wiederverwendung. 

Herr di Pietro, welche Schlussfolgerungen können Sie aus Ihrer Arbeit ziehen?

Simone di Pietro: Die Wiederbelebung schrumpfender Städte durch technologiebasierte grüne Übergänge hat das Potenzial, den Umsatz in schrumpfenden Städten anzukurbeln. Das ist insbesondere in schrumpfenden Städten realisierbar, deren schrumpfende Industrien auf grüne Produktion umgestellt werden kann. Wobei die Geschäfts- und Verwaltungssysteme ähnlich bleiben können. 

Agnes Angelika Matoga: Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen meiner Arbeit ist, dass die Prozesse und Governance-Regelungen in schrumpfenden Städten frühzeitig angepasst werden sollten. Die Gemeinde Heerlen hat mit Planungsbüros in Berlin und Rotterdam zusammengearbeitet. Eine langfristige Auswirkung dabei war, dass ein starkes Netzwerk von Expertinnen und Experten sowie von Bürgerinnen und Bürgern aufgebaut wurde, das Initiativen gestartet hat. 

 Was empfehlen Sie Städten, die sich mit dem Thema Schrumpfung auseinandersetzen müssen?

Bozhidar Ivanov: Aufgrund der vergleichenden Ergebnisse kann ich schrumpfende Städte und Regionen nur ermutigen, Kontakte zu anderen Städten und Regionen in der gleichen Situation zu knüpfen. Bilbao, Leipzig und Zeeland haben sich auf nationaler und internationaler Ebene intensiv mit anderen Städten und Regionen ausgetauscht. Ich bin daher der Meinung, dass andere Städte davon profitieren, wenn sie sich an Netzwerken beteiligen, mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern in Kontakt treten und lernen, wie spezifische Herausforderungen in anderen Kontexten angegangen wurden. Das kann dazu inspirieren, die richtige Lösung für die eigene Situation zu finden. 

Was sollte auf Grundlage Ihrer Erkenntnisse weiterhin untersucht werden? 

Bozhidar Ivanov: Ein nächster Schritt meiner Forschung könnte darin bestehen, die derzeit schrumpfenden Städte zu untersuchen und zu prüfen, inwieweit sie neue Möglichkeiten nutzen können. Wie kann zum Beispiel die Kreislaufwirtschaft in einem schrumpfenden Kontext angewendet werden? Wie können neue Wohnmodelle wie Co-Housing oder Co-Working Spaces, insbesondere im Hinblick auf die Pandemiebekämpfung, in schrumpfenden Städten und Regionen genutzt werden? 

Agnes Angelika Matoga: Obwohl eine schrumpfende Stadt oft – aber nicht immer – in eine schrumpfende Region eingebettet ist – und es Empfehlungen gibt, sich auf die regionale Politik zu konzentrieren und sich von der lokalen Ebene wegzubewegen, denke ich, dass es wichtig ist, einen noch genaueren Blick auf die lokale, nachbarschaftliche und sogar individuelle Ebene zu werfen. Wer ist die Bevölkerung, die zurückbleibt? Wie prägen und gestalten sie die Stadt? Warum ziehen sie nicht auch weg? Schrumpfende Städte haben meist ein negatives Image. Ich bin selbst schon gefragt worden: `Warum gehst du nach Heerlen? Das ist doch uninteressant. ` Aber es stellte sich für mich heraus, dass schrumpfende Städte sehr interessant, komplex und sehenswert sind, wenn man die negative Darstellung beiseitelässt. Viele Themen, die in einer wachsenden und prosperierenden Stadt erforscht werden können, lassen sich auch in schrumpfenden Städten finden. Ich denke, dass zum Beispiel Vergleiche der öffentlichen Beteiligung in schrumpfenden und wachsenden Städten eine Untersuchung wert sein könnten. Wie unterscheiden sich die Prozesse? Ich bin sicher, dass wachsende Städte auch von schrumpfenden Städten etwas lernen können. 

Im Rahmen des Projektes konnten Sie sich mich mit Forschenden und Praktikerinnen und Praktikern aus verschiedenen Ländern austauschen. Wie haben Sie diese Zusammenarbeit erlebt? Was haben Sie daraus gelernt?

Bozhidar Ivanov: Besonders unterstützt und inspiriert wurde ich durch meine Forschungsaufenthalte an der Universität Amsterdam und bei der Bertelsmann-Stiftung. Trotz der Pandemie hatten wir auch viele Veranstaltungen vor Ort, die sich mit Methoden, Themen und Ansätzen für schrumpfende Städte beschäftigten. Für mich persönlich war meine Promotion eine Zeit des persönlichen und beruflichen Wachstums in einem internationalen Kontext. 

Wie können Sie die Erkenntnisse aus Ihrer Doktorarbeit für Ihren weiteren Werdegang nutzen?

Agnes Angelika Matoga: Die grobe Richtung meiner Zukunft ist klar: Ich möchte mit Bürgerinnen und Bürgern arbeiten und ihre Beteiligung an Planungsprozessen verbessern. Ich habe Stadtplanung und Geografie studiert und verfüge daher über das nötige Hintergrundwissen, um in diesen Bereichen zu arbeiten. Es wäre schön, eine Zeit lang praktisch zu arbeiten. Aber ich habe auch unterrichtet – und würde gerne mein Wissen an die nächste Generation weitergeben. 

Simone di Pietro: Das Phänomen der schrumpfenden Städte nimmt perspektivisch zu, so dass es wichtig ist, weiterhin Lösungen für die Anpassung der städtischen Umwelt an die demografische Entwicklung zu entwickeln. Ich persönlich fände es schön, auch im Bereich der Stadtentwicklung in Entwicklungsländern arbeiten zu können.

Bozhidar Ivanov: Durch die breitere Herangehensweise an mein Thema und die eher politikorientierten Methoden, die ich verwendet habe, glaube ich, dass ich über das nötige Fachwissen verfüge, um Pläne und Strategien für verschiedene städtische Kontexte zu bewerten und zu analysieren, nicht nur beim Thema Schrumpfung. Ich würde mich freuen, eine Stelle zu finden, die sich auf die Verbesserung der Stadtpolitik und -planung konzentriert, vorzugsweise auf europäischer Ebene. Und die TU Kaiserslautern kann ich abschließend nur ermutigen, internationale Forschungsprojekte wie das von Professorin Pallagst geleitete zu unterstützen. Ich glaube, dass solche Netzwerke einen großen Mehrwert für Doktoranden bringen - und definitiv aussagekräftige, fachübergreifende Ergebnisse liefern. Ich glaube auch, dass dies zur weiteren Sichtbarkeit der Universität auf internationaler Bühne beitragen kann.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Über das Projekt

Das Projekt „Reviving shrinking cities – innovative paths and perspectives towards livability for shrinking cities in Europe“ wird im Rahmenprogramm für Forschung und Innovation „Horizont 2020“ als Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahme von der Europäischen Kommission für vier Jahre mit 3,3 Millionen Euro gefördert. Im Forschungsprojekt arbeiten Teams von 16 Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Stiftungen. Sie betrachten Prozesse aus historischer, geografischer, planerischer, ingenieur-, sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Sicht.

Die Koordination liegt bei Professorin Pallagst vom Fachbereich Raum- und Umweltplanung an der TU Kaiserslautern. Ferner sind dabei die TU Dortmund, die Universitäten in Amsterdam, Porto und im mexikanischen Guadalajara - sowie die Adam Mickiewicz Universität im polnischen Posen, die École Normale Supérieure Paris sowie die beiden Beratungs- und Forschungseinrichtungen „Cambridge Architectural Research“ aus England und „Spatial Foresight“ aus Luxemburg. Als Partner sind darüber hinaus beteiligt: die Bertelsmann Stiftung, die Energieagentur Rheinland-Pfalz, das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, die Meeresfischzuchtanlage „Fresh“ im saarländischen Völklingen, die Kent State University aus den USA, das japanische Nomura Research Institute sowie das Netherlands Expert Center on Demographic Change.
 

Im Bild zu sehen: Bozhidar Ivanov (links),  Agnes Angelika Matoga und Simone di Pietro

Bild des Benutzers Melanie Löw
Erstellt
am 09.06.2022 von
Melanie Löw

Originalautor

Christine Pauli