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Über das Vergessen lernen:
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Kaiserslauterer Forscher entwickeln Alzheimer-Koffer für Schulen

„Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Die Gummiente, das Taschenbuch, das Lieblingskuscheltier…“ – wahrscheinlich hat jeder das bei Kindern und Eltern beliebte Gedächtnisspiel schon auf langen Urlaubsfahrten zur Ablenkung genutzt. Aus Spaß am „Vergessen“ kann aber schnell ernst werden. Zum Beispiel, wenn ältere Menschen merken, dass sie sich immer schlechter an Dinge erinnern – erste Anzeichen einer möglichen Alzheimer-Erkrankung.

Von Unispectrum live

Mit der Krankheit und ihren Grundlagen beschäftigen sich der Humanbiologe Professor Dr. Stefan Kins und seine Arbeitsgruppe an der TU Kaiserslautern. „Was wir hier machen ist vorwiegend Grundlagenforschung an der Laborbank, einen direkten Kontakt mit Alzheimer-Patienten haben wir bei unserer Arbeit in der Regel nicht. Wir untersuchen die molekularen Vorgänge, die letztlich dazu führen, dass die Gedächtnisleistung nachlässt“, so Kins. Wie wichtig sein Forschungszweig ist, wird in den letzten Jahren immer deutlicher: „Unsere Gesellschaft wird dank steigender Lebenserwartung immer älter. Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer-Demenz zu erkranken, weiter an. Der Pflegeaufwand ist sehr hoch und die Kosten steigen.“ Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben aktuell circa 1,5 Millionen Demenzkranke in Deutschland, davon leiden zwei Drittel unter Alzheimer. Jedes Jahr kommen etwa 300.000 neue Fälle dazu.

Aktuell gibt es keine Medikamente, um die Krankheit zu stoppen oder zu verhindern. „Möglicherweise wurde Alzheimer-Demenz bislang zu spät behandelt. Deshalb werden aktuell neue Medikamente, welche an den molekularen Ursachen der Krankheit ansetzen, zu einem frühen Zeitpunkt, vor dem Einsetzen von fortschreitendem Nervenzellverlust getestet“, sagt Kins. „Wenn, im übertragenen Sinne, das Bein erst einmal verloren gegangen ist, kann man nur schwer helfen, wieder laufen zu können.“ Einmal verlorene Hirnstrukturen seien heute nicht mehr zu behandeln. „Daher besteht Hoffnung, dass frühe Behandlungen helfen könnten, Alzheimer-Demenz zu verhindern oder zumindest zu verzögern“, so der Kaiserslauterer Professor.

Für Angehörige ist der Umgang mit Erkrankten oft sehr schwierig. Die Krankheit geht mit Persönlichkeitsveränderungen und mit dem Verlust von geistigen Fähigkeiten einher. Oft ist der Patient am Ende der Krankheitsphase nur noch ein Schatten seiner selbst. Insbesondere in der frühen Krankheitsphase fällt es den Angehörigen oftmals schwer, Verständnis für die verloren gegangenen Fähigkeiten aufzubringen. „Es ist viel einfacher, jemandem mit ersichtlichen körperlichen Einschränkungen Hilfestellungen zu geben. Aber auch die Alzheimer-Demenz hat körperliche Ursachen“, erklärt Kins. Bestimmte Teile des Gehirns gingen dabei in einer immer gleichen Abfolge kontinuierlich verloren.

Vielleicht können wir bei einigen auch das Interesse wecken, an der Alzheimer-Demenz zu forschen.

Professor Stefan Kins

Um bereits bei Schülerinnen und Schülern die gesellschaftliche Bedeutung und ein besseres Verständnis für Alzheimer-Patienten zu erlangen, haben sich Stefan Kins und Dr. Christoph Thyssen aus der Arbeitsgruppe „Fachdidaktik Biologie“ zusammen mit Studentinnen und Studenten etwas Neues ausgedacht: einen Alzheimer-Koffer für Schulen. „Die Idee ist im Graduiertenkolleg Demenz des Netzwerks Altersforschung, NAR, Heidelberg, entstanden. Wir haben schnell entschieden, gemeinsam mit der Fachdidaktik und Lehramts-Studierenden zusammenzuarbeiten. Ziel ist es, die Vorgänge bei der Alzheimer-Demenz anschaulich und in verschiedenen Altersstufen zu erklären“, sagt der Neurobiologe. „Vielleicht können wir bei einigen auch das Interesse wecken, an der Alzheimer-Demenz zu forschen.“

Doch welche Inhalte und Hilfsmittel sind dafür in Schulen angebracht? „Die Ausstattung in Schulen lässt manchmal zu wünschen übrig“, meint Kins schmunzelnd. „Von daher wurde überlegt, was geht und was nicht.“ Christoph Thyssen fügt hinzu: „Das Ziel in diesem Projekt war, schon in ganz frühen Klassenstufen an das Thema heranzuführen, weil fast jeder durch unmittelbare Angehörige wie Großeltern, Eltern oder Geschwister betroffen ist.“

Schon in der Unterstufe sollen die Unterrichtsmaterialien des Koffers ein wissenschaftliches Arbeiten ermöglichen. „Vom „Kleinen zum ganz Großen“ heißt eine Einheit im naturwissenschaftlichen Unterricht, in die der Koffer sehr gut passt“, so der Fachdidaktiker. Dafür sollen Materialien enthalten sein, die in der sechsten Klassenstufe genutzt werden können, zum Beispiel mikroskopische Präparate und Sezieranleitungen für Schweinehirne. Für zehnte Klassen könnten Unterrichtseinheiten zum Thema Genetik gehalten werden, für ältere Jahrgänge sollen die neurobiologischen Vorgänge interessant sein, so die Forscher.

Esther Sternheim, Lehrerin am Reichswaldgymnasium und Mitarbeiterin in der Fachdidaktik an der TU Kaiserslautern, hat aufbauend auf einer Masterarbeit von Philipp Lutz verschiedene Materialien wie Arbeitsblätter und Hintergrundinformationen zusammengetragen – diese werden derzeit in einem Buch veröffentlicht. „Ein Bestandteil des Koffers sind 3D-Modelle eines gesunden und eines „kranken“ menschlichen Gehirns“, sagt Kins. Aus dem Gehirn-Modell können einzelne Scheiben entnommen werden, die Einblick in die innere Struktur ermöglichen. „Hirnareale, welche besonders stark durch Neurodegeneration betroffen sind, können so einfach von den Schülern und Schülerinnen erkannt werden“, erklärt Kins. Außerdem sind dem Koffer unterschiedlich gefärbte Dauerpräparate mit den charakteristischen pathologischen Merkmalen beigelegt, welche bei Alzheimer-Patienten im Gehirn auftreten. Besonderes Augenmerk sollen die Schüler  dabei auf die für Alzheimer typischen Amyloid-Plaques legen. „Diese Plaques entstehen, wenn das sogenannte Amyloid-Precursor-Protein, APP, von Enzymen zerschnitten wird. Das entstehende β-Amyloid hat eine neurotoxische Wirkung und spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Alzheimer“, erläutert der Professor.

Seit Sommer 2015 bieten die Humanbiologen der TU die Koffer für 100 Euro pro Stück für interessierte Schulen an. Auf zahlreichen Lehrerfortbildungen haben sie die Koffer bereist vorgestellt. „Die Resonanz war hierbei immer ausgesprochen positiv“, resümiert Kins. „Dank der Unterstützung durch die Klaus-Tschira-Stiftung können wir die Koffer derzeit so kostengünstig anbieten“, so der Professor weiter. Profitieren werden hiervon vor allem Schülerinnen und Schüler, die sich auf diese Weise mit neuen Lernmethoden mit den Themen Vergessen und Alzheimer auseinandersetzen können. Dadurch kann wichtiges biologisches Grundwissen erworben werden, das den Umgang mit der Alzheimer-Krankheit und Betroffenen grundlegend verbessern wird.

Bild des Benutzers Melanie Löw
Erstellt
am 17.06.2016 von
Melanie Löw

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