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Forschungsaufenthalt in Washington D.C.
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„Im Auge des politischen Sturms“

Präsident Donald Trump spaltet die USA. Doch wie schlägt das politische Herz des Landes? Für rund drei Monate war ich als Gastwissenschaftler in Washington D.C. Dort habe ich Einblicke in den politischen Alltag erhalten und bin Politikern und Expertinnen begegnet, die mit mir über den Krieg der USA gegen den internationalen Terrorismus diskutiert haben.

Von Unispectrum live • Marcus Müller

Im Wintersemester 2018/19 durfte ich zwischen Oktober und Januar als Gastwissenschaftler an der Schar School for Policy and Government der George Mason University auf Einladung von Professor Mark Rozell und dem John Hopkins University‘s American Institute for Contemporary German Studies bei Dr. Jackson Janes forschen. Ermöglicht wurde mir dies durch ein Reisestipendium des TU Nachwuchsrings und ein Fellowship des German Marshall Fund. Dankbar bin ich Professor Jürgen Wilzewski, Politikwissenschaft II (Internationale Beziehungen/Außenpolitik), der mir ein Jahr zuvor den entscheidenden Anstoß gab. Auch unterstützte meine Familie diesen Sprung ins „kalte Wasser“. 

Im Oktober ging es für mich nach Washington D.C. – zu einer politisch brisanten Zeit: Kurz vor den sogenannten Midterm Elections, also den Zwischenwahlen zum US-Kongress und dem ersten Stimmungstest für Präsident Donald Trump, und bevor Brett Kavanaugh, der kontroverse Wunschkandidat Trumps, als neuer Richter am Obersten Gerichtshof vereidigt wurde. 

Washington D.C. selbst ist vielleicht, neben Boston und New York City, die europäischste Stadt an der Ostküste. Sie ist sowohl zu Fuß als auch mit dem Rad gut zu erkunden. Beeindruckend ist vor allem die Architektur der National Mall, die nach dem Vorbild von Paris angelegt ist. Sie ist mit einem bestimmten politischen Anspruch verbunden. Die Symbolik – von den Kriegsdenkmälern bis hin zum Lincoln-Memorial und dem Kapitol mit der berühmten Kuppel, die von der Statue of Freedom gekrönt wird – zeigt das demokratische und auch machtpolitische Selbstverständnis der USA. Man merkte im Oktober zudem, dass die Stadt in ein Sumpfgebiet gebaut wurde – stellenweise war es noch über 30 Grad warm und die hohe Luftfeuchtigkeit war gewöhnungsbedürftig. 

In Washington D.C. habe ich zur Untermiete bei einer Deutsch-Amerikanerin in Adams Morgan gewohnt. Das ist ein eher alternativ geprägtes Viertel mit vielen Häusern im viktorianischen Stil und grünen Alleen, das zusätzlich in unmittelbarer Nähe zum Rock Creek Park und dem National Zoo liegt. Den German Marshall Fund konnte ich bequem in 15 Minuten zu Fuß erreichen. Um an die George Mason University zu kommen, habe ich die Metro genutzt. Besonders spannend war, dass die weltberühmten Museen des Smithsonian Institution in der Hauptstadt kostenlos sind. An den Wochenenden habe ich mir viele Ausstellungen angesehen und trotzdem bei weitem noch nicht alles erkundet.

Es ist hier ganz anders als in San Francisco, wo ich vor ein paar Jahren schon einmal für einen Forschungsaufenthalt als Fulbright-Stipendiat war. Washington D.C. ist das politische Herz Amerikas und Dreh- und Angelpunkt für die internationale Politik. Das spürt man an vielen Orten. Die Stadt lebt von der Politik und die meisten Einwohner sind stark auf ihre Karrieren im Kongress, in den Ministerien, Denkfabriken oder Botschaften fokussiert. 

In der Stadt hatte ich nun die Chance, vor Ort mit ehemaligen Regierungsangehörigen und Geheimdienstlern der CIA sowie den Mitarbeiterinnen der Kongressabgeordneten Interviews zu führen. Viele Beschäftigte der Obama-Administration arbeiten noch in der Hauptstadt, zum Teil sind sie noch im politischen Verwaltungsapparat aktiv oder arbeiten bei berühmten Denkfabriken und Nichtregierungsorganisationen. Auch konnte ich viele Archive und Bibliotheken – allen voran die Library of Congress – für meine Recherchen nutzen.

Im Rahmen meiner Doktorarbeit beschäftige ich mich mit dem Krieg gegen den internationalen Terrorismus während der Präsidentschaft von Barack Obama. Ich untersuche dabei das Verhalten des Kongresses bei bestimmten Entscheidungen, etwa zum Gefangenenlager auf Guantánamo oder den unter Präsident Obama verstärkten Drohnenangriffen im Mittleren Osten. Die Professoren Mark Rozell und James Pfiffner an der George Mason sind in Fragen der Beziehungen zwischen Präsident und Kongress absolute Koryphäen und gaben mir die Gelegenheit in Kolloquien, Seminaren und sogenannten „Faculty Talks“ mein Dissertationsprojekt vorzustellen. 

Außerdem gewann ich Einblicke in den Unialltag und das Leben auf dem Campus. Eine Mensa gab es allerdings nicht. Aber rund um den Campus in Arlington (Virginia) gab es viele Cafés und Restaurants, in denen man sich zum Lunch verabreden konnte. 

Das wissenschaftliche Umfeld ist sehr kompetitiv. Die Doktorandinnen und Doktoranden an der George Mason University sind weniger stark in den Alltag des Instituts eingebunden. Für sie ist die Promotion eher wie ein Studium organisiert. Sie müssen bestimmte Kurse besuchen und haben zum Beispiel keinen Doktorvater, sondern ein sogenanntes Ph.D. Advisor Panel, das sie betreut. Da die Uni nur zu 20 Prozent aus staatlichen Mitteln finanziert wird, sind alle Forschungsgruppen angehalten, möglichst viele Drittmittel einzuholen. Zudem ist die politikwissenschaftliche Fakultät auf zwei Standorte verteilt, die mit Metro und Bus circa eineinhalb Stunden voneinander entfernt sind und für einen hohen Pendelaufwand sorgen. 

Es war einfach, dem politischen Geschehen zu folgen, seien es Debatten im Repräsentantenhaus oder Anhörungen im Senat. Ohne großen Aufwand konnte ich als Zuhörer dabei sein und die berühmten Bürogebäude des Senats, wie das Dirksen- oder Hart-Building, betreten.

In Washington D.C. gab es fast zu jeder Tageszeit Events zur Außen- und Sicherheitspolitik. Das bot mir die Chance bei einem Turkey Sandwich und einer Coke mit Expertinnen, Regierungsoffiziellen und anderen Interessierten ins Gespräch zu kommen – oder einfach nur als Beobachter bei Buchbesprechungen oder Podiumsdiskussionen dabei zu sein. Vieles war unkomplizierter als bei uns in Deutschland. Bei vielen Behörden und Instituten standen mir die Türen offen. Die Gesprächspartner haben sich Zeit genommen, um mit mir offen über meine Fragen zu sprechen, trotz der sicherheitspolitischen Sensitivität meiner Forschungsthemen.

Dass Donald Trump die Bevölkerung stark spaltet, war in Washington D.C. nicht immer direkt ersichtlich. Die Hauptstadt der USA ist wie das Auge des politischen Sturms. Die kontroversen Auseinandersetzungen finden oft an anderen Orten im Land statt. Und doch bemerkte ich in vielen Gesprächen beispielsweise an der Uni eine große Sorge wegen der Heftigkeit der öffentlichen Auseinandersetzung und den Tabubrüchen des Präsidenten. 

An Thanksgiving war ich zum Turkey-Essen bei Kollegen von der George Mason University eingeladen. Auch hier ging es wieder locker zu: Jeder der Gäste hat etwas zu essen mitgebracht und alle waren daran interessiert, warum ich mich politikwissenschaftlich mit den USA beschäftige, und wir haben uns über kulturelle Unterschiede ausgetauscht. 

Kurz bevor ich wieder zurück nach Hause geflogen bin, begann in den USA der Government Shutdown – die Stilllegung aller Regierungsbehörden mit Ausnahme des Militärs. Die Folgen waren an vielen Stellen zu spüren. Sowohl Nationalparks als auch die Museen blieben auch in D.C. geschlossen.

Für mich endete die Zeit in Washington mit vielen Eindrücken. Ich bin froh mir selbst ein Bild vom politischen System der USA in der Ära Trump gemacht zu haben. Dabei habe ich gelernt, wie in der Stadt die Politik, Wissenschaft und die Denkfabriken miteinander vernetzt sind. Auch wenn der Atlantik vielleicht „politisch breiter“ geworden ist: Die Amerikaner, die ich kennengelernt habe, sind nach wie vor sehr an Deutschland interessiert und haben ein durchweg positives Bild von Europa.

Den wissenschaftlichen Gewinn sehe ich in der Vernetzung mit meinen Gastinstitutionen in D.C., den Fachgesprächen an der George Mason University und dem AICGS mit Blick auf mein Dissertationsprojekt und den Interviewstudien, die mir geholfen haben, die sicherheitspolitischen Entscheidungsprozesse im Kongress noch besser nachzuvollziehen. Am Ende kann ich sagen, dass es eine tolle Erfahrung war meine bisherigen Forschungsergebnisse und Kenntnisse amerikanischer Außenpolitik im Washingtoner Außenpolitikdiskurs zur Diskussion stellen zu dürfen. 

Bild des Benutzers Melanie Löw
Erstellt
am 24.04.2019 von
Melanie Löw