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Kindliche Entwicklung:
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Dem Gedächtnis auf der Spur

Wie bildet sich das Gedächtnis aus? Warum speichern Kinder Informationen anders als Erwachsene ab? Welche Prozesse laufen dabei in unserem Hirn ab? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Juniorprofessorin Dr. Daniela Czernochowski mit ihrem Team an der TU Kaiserslautern. Die Forscherinnen und Forscher möchten die grundlegenden Prozesse verstehen, die ablaufen, wenn sich das Gedächtnis bildet. Ihre Erkenntnisse könnten eines Tages helfen, Störungen hierbei zu früher als bisher zu identifizieren.

Von Unispectrum live • Melanie Löw

Wenn Kinder auf die Welt kommen, sind sie unbeholfen und auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen. Das ändert sich aber während den ersten Lebensmonaten und -jahren: Sie lernen permanent hinzu, erkunden etwa ihre Umgebung, lernen sprechen und laufen, imitieren das Verhalten ihrer Mitmenschen und bauen eine starke Bindung zu den Eltern auf. In dieser Zeit bilden sich im Gehirn Millionen von Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen – alles Gelernte wird in verschiedenen Hirnarealen abgespeichert. Auch das Gedächtnis bildet sich dabei aus: Jedoch funktioniert es bei Kindern noch ganz anders als bei Erwachsenen. Doch wie unterscheidet es sich? Was ist normal? Welche Prozesse laufen im Hirn von Kindern genau ab? Das sind Fragen, denen die Psychologin Juniorprofessorin Dr. Daniela Czernochowski und ihr Team am Lehrstuhl für Cognitive Science der TU Kaiserslautern auf den Grund gehen.

Dem Erinnern auf die Schliche zu kommen, das macht einen Teil ihrer Forschung aus. In Studien lassen sie Kinder und Erwachsene unter anderem Gedächtnisaufgaben am Computer lösen. Um zu schauen, was währenddessen im Gehirn abläuft, werfen die Wissenschaftler einen Blick in den Kopf – mithilfe eines Elektroenzephalogramm, kurz EEG. Die Forscher setzen den Testteilnehmer dazu eine Mütze auf den Kopf, die mit Elektroden bestückt ist. „Wir können mit dieser Technik Ströme im Gehirn messen und genau verfolgen, wann welche Hirnregion aktiv ist“, so Czernochowski, die in Bonn studiert und in Saarbrücken promoviert hat. Nach Forschungsaufenthalten in New York und Düsseldorf ist sie seit 2013 als Juniorprofessorin an der TU.

Das Team um Czernochowski hat zum Beispiel herausgefunden, dass Kinder sich detailreicher erinnern können. „Jeder, der mit einem Kind Memory gespielt hat, weiß, dass Kinder dabei fast unschlagbar sind“, sagt sie. In der Studie haben die Forscher Kindern und Erwachsenen im ersten Durchgang zunächst Bilder eines Hauses gezeigt. Im zweiten Teil haben sie den Probanden erneut Bilder gezeigt – darunter auch dasselbe Haus aus dem ersten Teil. Sie haben nun die Teilnehmer gefragt, ob auf den Bildern dasselbe Haus wie zuvor zu sehen sei. „Die Kinder haben hierbei besser abgeschnitten“, so die Forscherin. „Sie haben sich mehr Details gemerkt als die Erwachsenen.“ In einem nächsten Schritt haben die Wissenschaftler das Experiment wiederholt und den Probanden vorab gesagt, dass sie sich die Bilder genau ansehen sollten. „Die Erwachsenen haben sich in der zweiten Runde besser vorbereitet, da sie wussten, worauf sie achten mussten. Sie haben genauso gut wie die Kinder abgeschnitten“, fasst sie die Ergebnisse zusammen.

Studien wie diese zeigen, dass das Gedächtnis bei Kindern anders funktioniert als bei Erwachsenen. Sie merken sich mehr Details und können wichtige Informationen noch nicht von unwichtigen unterscheiden. „Bei Erwachsenen gibt es zwei Formen des Erinnerns. Das vertrautheitsbasierte Erinnern greift auf bereits Gelerntes und Bekanntes zurück. Hier geht der Blick nicht ins Detail. Anders ist das beim bewussten Erinnern, bei dem wir uns auch auf Kleinigkeiten konzentrieren“, so Czernochowski.

Jeder, der mit einem Kind Memory gespielt hat, weiß, dass Kinder dabei fast unschlagbar sind.

Professorin Daniela Czernochowski

Bei Erwachsenen laufen andere neurokognitive Prozesse ab. Für das Gedächtnis ist im Hirn unter anderem ein Areal verantwortlich, das im Stirnlappen liegt: der sogenannte präfrontale Kortex. „Es ist auch für Kontrollfunktionen zuständig“, so die Professorin weiter. Bei Kindern müssen sich diese Strukturen im Laufe der Jahre erst noch entwickeln. Daher läuft vieles noch anders als bei Erwachsenen.

Auch mit Fehlern gehen Kinder anders um. Dies haben die Psychologin und ihr Team in einer anderen Studie festgestellt. Dazu haben sie die Teilnehmer Zahlenfolgen anschauen lassen. „Es ging um die Zahlen 1, 111, 3 und 333“, erklärt Czernochowski. „Wir haben den Probanden dazu zwei verschiedene Aufgaben gestellt, entweder haben wir sie gefragt, wie viele Ziffern sie sehen oder welche Zahl.“

Hierbei hat sich gezeigt, dass vor allem Senioren sehr akkurat arbeiten. Sie machen die wenigsten Fehler, brauchen aber auch mehr Zeit, um die Fragen zu beantworten. „Wenn man sie unter Zeitdruck setzt, machen sie allerdings auch mehr Fehler. Sie bemühen sich anschließend aber, die Fehler abzufangen“, so Czernochowski. Ganz anders verhält es sich bei den Kindern: Sie haben viele Fehler gemacht, dabei aber noch kein Gefühl dafür entwickelt, wann sie etwas falsch gemacht haben. „Und wenn sie es gemerkt haben, haben Fehler Kinder eher aus dem Konzept gebracht“, so die Psychologin. „Erwachsene hingegen haben bei der Aufgabe andere Kontrollprozesse genutzt und ihre Strategie geändert, wenn sie einen Fehler gemacht haben.“

Erst seit rund 30 Jahren geht die Forschung der Frage nach, wie das kindliche Gedächtnis funktioniert. Grund dafür waren unter anderem Zeugenaussagen bei Verbrechen. „Damals hatte man meist Zweifel, dass Kinder sich bei Befragungen richtig an die Fakten erinnern“, weiß die Professorin. „Wir wissen heute, dass das nicht stimmt. Man muss Kinder nur anders befragen. Sie können sich genauso gut erinnern wie Erwachsene.“

Doch wie erkennen Eltern beispielsweise, ob bei ihren Kindern bei der Entwicklung alles „nach Plan“ verläuft. Wie lange dauert es, bis sich das Gedächtnis komplett ausgebildet hat? Welche Zeitspanne ist bei einer gesunden Entwicklung normal? „Welche genauen Prozesse ablaufen, wissen wir noch nicht“, so Czernochowski. „Wenn wir die Mechanismen aber vollständig verstehen, erkennen wir auch, wenn etwas nicht normal abläuft – dann kann man versuchen, so bald wie möglich das Gedächtnis zum Beispiel mit gezielten Übungen zu trainieren.“

Wer mehr über die Forschung von Czernochowskis Team erfahren möchte, kann sich bei der Wissenssendung nano auf 3sat ein Bild machen: www.3sat.de/page/?source=/nano/gesellschaft/174659/index.html

 

Bild des Benutzers Melanie Löw
Erstellt
am 29.07.2016 von
Melanie Löw

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