© Czech, Deutsches Museum
TUK-Doktorand Ludwig-Petsch gewinnt Kerschensteiner-Preis
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Physik „hands-on“ mit Experiment und Smartphone erlebbar machen

Kim Ludwig-Petsch ist ursprünglich Physiklehrer. Mittlerweile hat er seinen Einsatzort ans Deutsche Museum verlegt, wo er Science Shows organisiert, die mittels „Aha-Effekt“ physikalische Phänomene erlebbar machen. Seine Erfahrung nutzt er auch, um Wissen rund um die Exponate in der Ausstellung anschaulich zu vermitteln – etwa mithilfe von Smartphones und Augmented Reality. Zur digital gestützten Museumsdidaktik forscht er parallel in seiner Doktorarbeit, die er an der TU Kaiserslautern durchführt. Sein außerordentlicher Einsatz auf diesem Gebiet hat sich herumgesprochen. Jüngst hat ihn die Deutschen Physikalische Gesellschaft mit dem renommierten Georg-Kerschensteiner-Preis ausgezeichnet.

Von Unispectrum live • Julia Reichelt

„Bei mir geht es immer um das Erleben von Physikphänomenen – und das möglichst interaktiv“, fasst der studierte Physik- und Chemielehrer sein Engagement in punkto Wissenschaftskommunikation zusammen. „Im Deutschen Museum erproben wir aktuell im Zuge der Modernisierung, wie und ob sich neue Medien einsetzen lassen, um Besucher*innen den Zugang zu den Exponaten zu erleichtern. In dieses Projekt bringe ich mich von didaktischer Seite ein.“

Konkret zielt seine Arbeit darauf ab, Smartphones und künftig auch innovative Technologien wie die Augmented Reality-Brille „HoloLens 2“ zu nutzen, um das Erleben von physikalischen Inhalten mit Visualisierungen von Daten und Konzepten anzureichern. Sprich, analoge Experimente digital zu erweitern. Ein Beispiel: Die Drehimpulserhaltung können Museumsbesucher*innen nachvollziehen, in dem sie wie Eiskunstläufer Pirouetten drehen. Beim Heranziehen der Arme wird die Bewegung schneller. Das Smartphone kommt ins Spiel, indem es über seine Sensoren in der Hosentasche während des Drehens Messdaten aufzeichnet und als Diagramm visualisiert, sodass das Experiment quantifizierbar wird. „Indem wir Messungen und die damit verbundenen Visualisierungen mit dem eigenen Erleben verknüpfen, vermitteln wir gleichzeitig den Umgang mit und den Wert von Messdaten“, erklärt Ludwig-Petsch.

Didaktische Expertise der TUK gefragt

Parallel hat er begonnen, die HoloLens 2 im musealen Einsatz zu erproben. Die Brille kann beim Blick in die reale Welt zusätzliche Informationen oder Erklärungen einblenden. Die Vision: Besucher*innen betrachten den Elektromotor in der Ausstellung und die HoloLens blendet virtuell zu dem realen Objekt in das Gesichtsfeld der Besuchenden ein, wie das Magnetfeld im Inneren aufgebaut wird und seine Wirkung entfaltet. So wird Lernen zum Erlebnis, das nachhaltig wirkt und Spaß macht.

Auf der Suche nach wissenschaftlicher Unterstützung ist er auf Prof. Dr. Jochen Kuhn und dessen Arbeitsgruppe „Didaktik der Physik“ an der TU Kaiserslautern aufmerksam geworden. Inzwischen teilt er seine Zeit auf zwischen der praktischen Tätigkeit am Deutschen Museum und einer forschenden Doktorarbeit an der TUK, um seine Expertise in der digital gestützten Didaktik zu vertiefen. „Wir ergänzen uns perfekt“, sagt Ludwig-Petsch. „Prof. Kuhn verfügt über fundierte Erfahrung, was den Einsatz von neuen Medien im Schulunterricht und im Studium betrifft. Mein Fokus liegt dagegen auf dem außerschulischen Lernen.“

Der Doktorvater ergänzt: „Wir erforschen an der TUK seit fast zehn Jahren das Physik-Lernen mit Tablets und Smartphones und setzen diese dabei als mobile Minilabore ein. Ein Smartphone ist ein äußerst vielseitiges Werkzeug. Über eingebaute Sensoren lassen sich beispielsweise physikalische Bewegungen wie die Frequenz von Tönen oder Schallgeschwindigkeiten untersuchen bzw. aufzeichnen. Ähnlich setzen wir seit fünf Jahren Augmented Reality-Brillen als Assistenzsysteme zum Lernen beim Experimentieren ein. Es erleichtert und fördert das Lernen nachweislich, wenn Smartphones als Messstationen das Durchführen von Experimenten im Unterricht begleiten oder Augmented Reality-Brillen als Assistenzsysteme zum Lernen beim Experimentieren unterstützen. Und das, was wir in einem Setting mit Lehrkräften und Schülern durchführen, erprobt Herr Ludwig-Petsch jetzt im musealen Kontext, wo er die Informationssuchenden auf andere Weise abholen und heranführen muss.“

Das Gesamtpaket war entscheidend

Ludwig-Petsch hat unendlich viel Energie, wenn es darum geht, neue Formate und Konzepte in der Wissenschaftskommunikation zu entwickeln und umzusetzen. Die Science Shows, die er am Deutschen Museum durchführt, sind dafür ein gutes Beispiel. In 30 Minuten erklärt er dabei ein Thema, beispielsweise die Mondlandung und bezieht das Publikum durch Schätzfragen und Mitmach-Experimente ein. Ein weiteres Format, mit dem er sich nebenberuflich ein Standbein in München aufgebaut hat, sind sogenannte „Science Dinner“: Ein 3-Gänge-Menü mit Experimentierpausen – sozusagen kulinarisches Wissenschaftsvarieté. Was Ludwig-Petsch auf der Bühne erklärt, können die Teilnehmenden dank Mitmachbox am Tisch selbst nachvollziehen. 

Nicht zuletzt kann er sich auf Science Slams überzeugend präsentierten, was er dieses Jahr bei der Veranstaltung „Eine Welt in Bewegung – mit Museen Zukunft gestalten“ der Leibniz-Gesellschaft bewiesen hat. Dort hat er sein didaktisches Projekt am Deutschen Museum kurz, kompakt und mitreißend vorgestellt – und gewonnen. Dieses kommunikative Gesamtpaket hat aus seiner Sicht die Jury des Georg-Kerschensteiner-Preises dazu bewogen, sich für ihn als Preisträger zu entscheiden. „Was sehr schön ist: Wir haben am Deutschen Museum ein Kerschensteiner Kolleg. Somit kann ich den Preis sprichwörtlich nach Hause holen.“

Bild des Benutzers Julia Reichelt
Erstellt
am 17.12.2020 von
Julia Reichelt

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